23.01.19

Pflegestufe abgelehnt – Wann brauche ich ein Pflegetagebuch & was muss da rein?

„Mein Antrag auf eine Pflegestufe [seit dem Januar 2017 wird die Pflegebedürftigkeit in 5 Pflegegrade anstelle der bisherigen 2 Pflegestufen; A.d.R.] ist abgelehnt worden. Und das, obwohl ich mich kaum noch selbst betun kann. […] Meine Tochter wird dagegen protestieren, […] worauf sollte sie unbedingt achten?“

„[…] Haben Sie (Insider-)Tipps, wodurch man seine Chancen auf eine Pflegestufe erhöhen kann?“

„[…] Erhöht so ein schriftliches Protokoll die Chancen, eine Pflegestufe zugesprochen zu bekommen?“

Solche und ähnliche Fragen – manche mit Ängsten gegenüber möglichen Gerichtsprozessen – erreichen das Team von Verbraucherexperte Escher regelmäßig. Und oft ist die Sachlage komplex: Wie genau drückt sich die Pflegebedürftigkeit aus? Bestehen neben (oft klarer erkennbaren) körperlichen Einschränkungen auch geistige? Wie stark sind die Folgen im Alltag spürbar? Wann wird etwas Hilfe bei den alltäglichen Verrichtungen zur Pflegearbeit? Die Antworten auf diese Fragen hängen stark von der individuellen Situation ab.

Sie können bei der Krankenkasse jederzeit einen Antrag auf die Zuteilung eines Pflegegrades stellen – ganz ohne Pflegetagebuch. Die Bewertung erfolgt in jedem Fall durch den MDK, den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, der einschätzt, wie stark die Beschränkungen in der selbstständigen Lebensführung des Pflegebedürftigen sind. In der Regel sind gezielte Fragen die einzige Indikation für einen Pflegegrad – zusätzlich zu der Einschätzung des jeweiligen MDK-Mitarbeiters.

Die MDK-Mitarbeiter sind zwar speziell geschult in der Bewertung einer häuslichen Situation. Aber es kommt häufig vor, dass der nur kurze Einblick in den tatsächlichen Alltag gepaart mit dem Anspruch des Pflegebedürftigen, möglichst selbstständig zu wirken, zu einer Fehleinschätzung führt. Die Folge ist die Verweigerung eines Pflegegrades oder der erteilte Pflegegrad deckt nicht ausreichend den tatsächlichen Aufwand. Dann müssen Sie tätig werden – als Pflegebedürftiger selbst oder als Pflegeperson.

Das Wichtigste:

  • Sie haben nur 4 Wochen Zeit, gegen den Bescheid über den erteilten Pflegegrad Widerspruch einzulegen
  • Wird diesem Widerspruch nicht stattgegeben, haben Sie wiederum nur 4 Wochen Zeit, vor dem zuständigen Sozialgericht Klage einzureichen. Aber das müssen Sie tun, wenn Sie trotz eines zurückgewiesenen Widerspruchs eine Verbesserung der Einstufung erreichen wollen.

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Hilfe bei der schwierigen Nachweis-Frage

Schon kleine Einschränkungen können große Auswirkungen haben. Wenn ein Mensch nicht mehr feinmotorisch genug ist, sich eine Tasse Tee zuzubereiten oder vergisst, regelmäßig zu trinken, kann der tägliche Besuch schnell nötig werden. Ab wann fängt aber eine Pflegebedürftigkeit an?

Bei der Nachweis-Frage hilft ein einfaches Mittel: Das sogenannte Pflegetagebuch. Darin dokumentieren Sie Hilfestellungen im Alltag, erlebte Einschränkungen und je nach Zeitraum, über den Sie das Pflegetagebuch führen, auch eine Veränderung der Situation. Eine solche Dokumentation ist Ihr Gegenstück zur Bewertung durch den MDK. Es muss korrekt und wahrheitsgemäß geführt werden – und dient letzten Endes dem Gericht als Einblick in den Alltag der pflegebedürftigen Person.

Es empfiehlt sich, schon bei ersten Anzeichen einer Pflegebedürftigkeit sich Notizen zum Umfang zu machen. Denn Sie müssen ja nicht zwingend einen Pflegegrad beantragen, nur weil Sie ein Pflegetagebuch führen. Aber es hilft Ihnen, einen Überblick über die tatsächlichen Einschränkungen zu erlangen.

Spätestens aber wenn die Kasse den Pflegegrad abgelehnt hat, sollten Sie notieren, was Sie in welchem Maße unterstützen müssen bzw. in welchen Bereichen die eigenständige Lebensführung des Pflegebedürftigen eingeschränkt ist. Im Pflegetagebuch werden beispielsweise Einschränkungen motorischer Fähigkeiten geschildert („kann heute die Tasse nicht greifen; kann nicht selbstständig die Wanne verlassen, etc.“) oder Ereignisse im Alltag, die eine erhöhte Betreuung durch das Umfeld nahelegen (zum Beispiel Orientierungsschwierigkeiten oder Mangelernährung). Was genau, hängt natürlich vom konkreten Fall ab. Und natürlich müssen die Einschränkungen drastisch sein, bevor Sie sich Anmerkungen aufschreiben.

Wie aufwändig ist ein Pflegetagebuch?

Natürlich hängt auch der Aufwand, ein Pflegetagebuch zu führen, von der konkreten Situation ab. In der Regel können Sie davon ausgehen, dass Sie etwas Zeit brauchen, die Rahmenbedingungen zu beschrieben. Auf der Website familiara.de finden Sie konkrete und anschauliche Hinweise dazu. Wenn Sie Ihre E-Mail-Adresse dalassen, erhalten Sie sogar ein kostenfreies Musterexemplar zugesandt.

Wichtig ist, dass Sie genau und klar beschreiben, was Ihre unterstützenden Tätigkeiten sind und welche Einschränkungen Sie damit kompensieren. Wenn Sie den Rahmen gesteckt haben (was in der Regel innerhalb von 1 bis 2 Stunden erledigt ist), führen Sie regelmäßige Notizen mit deutlich weniger Umfang durch. Im Schnitt liegt der Aufwand bei maximal 30 Minuten pro Eintrag.

Führen Sie das Pflegetagebuch über einen aussagekräftigen Zeitraum hinweg. Das können durchaus mehrere Wochen sein. Sie sollten über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen deutlich machen, in welchem Umfang pflegerisch-unterstützende Arbeiten nötig sind – nicht weniger. Machen Sie mindestens alle 2 – 3 Tage einen Eintrag. Auf diese Weise erzeugen Sie ein transparentes Bild des tatsächlichen Alltags mit der pflegebedürftigen Person.

Was nützt das?

Wie erwähnt, erreichen Sie zunächst einen Überblick über das, was Sie wirklich leisten müssen und in welchen Bereichen besondere Unterstützung nötig ist.

Aber vor Gericht erhält das Pflegetagebuch eine zentrale Bedeutung. Sie stellen damit der Bewertung des MDK, die häufig die einzige Grundlage ist für Einteilung in einen bestimmten Pflegegrad bzw. dessen Ablehnung, Ihre eigenen Beobachtungen gegenüber. Das ermöglicht dem Gericht, objektiver zu entscheiden und sich näher am Alltag des Pflegebedürftigen zu orientieren. Damit ergänzt das Pflegetagebuch die Befragung und Prüfung des MDK und hilft im Zweifel, gegen die Frage-Ergebnisse vorzugehen und mit den Angaben aus dem konkreten Alltag in Zusammenarbeit mit Zeugen, einen höheren Pflegegrad zuerkannt zu bekommen. Das Pflegetagebuch verringert in diesem Sinn die Abhängigkeit von der Bewertung durch den MDK.

Wer führt das Pflegetagebuch?

Das Pflegetagebuch wird von Angehörigen geführt bzw. diejenigen, die sich um die Pflegebedürftigen kümmern. Es kann auch von verschiedenen Personen geführt werden, wenn sie sich abwechselnd um den Pflegebedürftigen kümmern.

Sie können das Pflegetagebuch auch führen, wenn der oder die Pflegebedürftige das ablehnt. Machen Sie sich klar: Es geht nicht darum, einen nahen Angehörigen bloß zu stellen oder ihm seine Selbstständigkeit abzusprechen. Ein Pflegegrad soll nicht abdecken, dass Sie „der Oma hin und wieder einen Kasten Wasser vorbeibringen“. Sondern wenn das Thema diskutiert wird, dann geht es um echte Einschnitte im Alltag mehrerer Menschen. Es entstehen zusätzliche Kosten, die in irgendeiner Weise kompensiert werden müssen. Ein falsch zugeteilter Pflegegrad, der nicht korrekt den tatsächlichen Aufwand bei den pflegenden Menschen deckt, kann ernste finanzielle Probleme verursachen.

Zum Thema gerade erschienen:

„Antrag abgelehnt? So können Sie sich erfolgreich wehren“

Rechtsanwalt Michael Baczko und Verbraucherexperte Peter Escher zum richtigen Umgang mit abgelehnten Anträgen von Behörden und Krankenkassen.

 

ISBN 978-3-982050-80-5, SAXO-phon Verlag Dresden, 13,80 Euro